Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben
dtv Verlagsgesellschaft, München, 2025, 3. Auflage 2025, ISBN : 978-3-423-26416-7, 304 Seiten, Paperback, Format 20,5 x 12,6 cm, € 17,00 (D), € 17,50 (A), CHF 22,90
Wer von dem studierten Physiker und seit 2001 als Wissenschaftskabarettist und Aufklärer arbeitenden Vince Ebert eine ausgewogene Darstellung der Gefühlslage deutscher Geistes- und Naturwissenschaftler erwartet hatte, sieht sich schon nach der Lektüre der ersten vierzig Seiten seines in dritter Auflage erschienenen Bestsellers „Wot Se Fack, Deutschland? Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben“ irritiert: Zwar gesteht er der Reformation zu, nicht nur eine religiöse Bewegung, sondern auch ein entscheidender Treiber von Bildung gewesen zu sein. Aber ihre Idee von Freiheit reicht nach Ebert natürlich nicht an den aus der Natur des Menschen abgeleiteten Freiheitsbegriff der Aufklärung heran (vergleiche dazu Vince Ebert, S. 36 ff.). Und deshalb begann nach seiner Version der Entwicklung der Ratio der Einfluss der Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert ähnlich zu schmelzen wie die Macht der Kirche während der Reformation (vergleiche dazu Vince Ebert, S. 55). Man fragt sich, was jetzt folgt. Es geht dann unter anderem so weiter:
„Dieser Prozess, der mit einer enormen intellektuellen Kränkung verbunden ist, gelangt gerade an einen Höhepunkt: Heute sind es mehr denn je die Absolventen der MINT-Studiengänge (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), die die treibende Kraft von modernen Volkswirtschaften bilden. Mit philosophischen Theorien und geschliffener Rhetorik gewinnen Sie vielleicht einen Disput bei Maybrit Illner, aber die echten Schlachten, die darüber entscheiden, wo wir technologisch, wirtschaftlich und letztlich auch kulturell in zwanzig oder dreißig Jahren stehen, werden maßgeblich von Menschen entschieden, die programmieren können, die Motoren, Flugzeuge, Energiesysteme oder Medikamente entwickeln oder unser Erbgut entschlüsseln.
Für all die Germanisten, Politologen, Soziologen und neuerdings auch Genderwissenschaftler, die seit Jahren vermehrt in die Universitäten drängen, ist das schwer zu schlucken. Daher ist es kein Zufall, dass sich unter den westlichen geisteswissenschaftlich geprägten Intellektuellen als Reaktion auf die Dominanz der Naturwissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten eine Denkschule verbreitet hat, die man als Postmodernismus bezeichnet. Deren Kerngedanke lautet, dass es so etwas wie objektive Wahrheit nicht gibt. Begriffe wie »wahr« oder »falsch« sind pure Erfindungen. Da jeder Mensch die Welt anders wahrnimmt und diese Wahrnehmung von seiner Individualität geprägt wird, ist nach Auffassung der postmodernen Denker auch alles, was wir angeblich für unumstößlich und wahr halten, letztlich »konstruiert«. So etwas wie Rationalität ist nur eine Sichtweise, eine persönliche und damit subjektive Perspektive. Damit stellte der Postmodernismus die gesamte Idee der Aufklärung massiv infrage, die ja gerade auf dem Prinzip von Rationalität basiert. Diese seltsame geisteswissenschaftliche Strömung richtet sich auch oder vor allem gegen evidenzbasierte Disziplinen wie Physik, Chemie oder Ingenieurwissenschaften und gegen deren Deutungshoheit (Vince Ebert, S. 55 f.).
Auf Seite 60 erinnert Ebert an den Scherzartikel des amerikanischen Physikers Alan Sokal »Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantentransformation«, der 1996 wider Erwarten bei der renommierten Fachzeitschrift der Sozial- und Kulturwissenschaften »Social Text« veröffentlicht worden ist. Sokals gleich nach der Veröffentlichung besorgte Enthüllung des Scherzers sorgte „in der akademischen Welt kurze Zeit für eine heftige Diskussion über die wissenschaftliche Seriosität dieses Fachgebietes. Den Siegeszug der Postmoderne allerdings hat diese Debatte nicht aufgehalten. Das liegt vor allem an einem … Kernpunkt der postmodernen Theorie. Ihre Vertreter hegen nicht nur eine grundlegende Skepsis gegenüber objektivem Wissen, sie behaupten darüber hinaus, dass die gesamte westliche Gesellschaft auf fundamentalen Macht-strukturen aufgebaut ist, die allein entscheiden, was als Wahrheit gilt … Für Foucault, den mit Abstand einflussreichsten Vertreter der Postmoderne, stellt sich nicht die Frage: Wer hat recht? Sondern: Wer hat die Macht? Die Suche nach Wahrheit, Wissen und Erkenntnis tritt also bei ihm völlig in den Hintergrund, weil der gesellschaftspolitische Kampf gegen Hierarchien und Macht- mechanismen vielbedeutsamer ist. Damit wird auch verständlich, wieso das postmoderne Denken in den vergangenen Jahrzehnten so großen Einfluss an vielen Universitäten und Bildungseinrichtungen gewinnen konnte. Es ist keine wissenschaftliche Theorie, sondern eine als Wissenschaft getarnte politische Bewegung“ (Vince Ebert, S. 61 f.).
In der Folge kommt es statt zur Stärkung des wissenschaftlichen Strebens nach Aufklärung und Wahrheit zum Aufblühen der Wokeness. „Wokeness ist … die gesellschaftspolitische Konsequenz des Postmodernismus: Wenn sich etwas wahr anfühlt, dann ist es auch wahr. Doch ein Gefühl als solches – sei es auch noch so real und stark – ist keine valide Aussage über die wirkliche Welt. Sinnsysteme sind subjektiv und kein Beweis einer objektiven Wahrheit. Aus gutem Grund stellen wissenschaftliche Institutionen wie Universitäten in ihrem Selbstverständnis nicht das Gefühl, sondern das Streben nach Wahrheit in den Fokus. Das Motto der Harvard University lautet: »Veritas« (Wahrheit), die Yale University wirbt mit »Lux et Veritas« (Licht und Wahrheit). Auch im Leitbild meiner Alma Mater, der Julius-Maximilians-Universität Würzburg heißt es: »Veritati, der Wahrheit verpflichtet«. Umgekehrt ist mir keine Universität der westlichen Welt bekannt, die auf dem Ethos von Gefühlen und Befindlichkeit gegründet worden wäre. Und trotzdem haben in den vergangenen Jahren diese Themen Leben und Lehre an vielen Bildungseinrichtungen geprägt“ (Vince Ebert, S. 71). Die von der woken Community geforderte „politische Korrektheit überzieht das alltägliche Leben wie eine juckende Hautkrankheit. Und je länger dieser Zirkus andauert, umso mehr zerstören wir eine der größten Errungenschaften unserer abendländischen Kultur: sagen zu dürfen, was man denkt. Auch wenn es dumm, falsch und unerträglich ist“ (Vince Ebert, S. 87).
Jetzt lässt er sich nicht mehr lange bitten und schreitet zur Tat: Nach seinem Loblied auf die moderne Wissenschaft, „der unfassbar viele folgenreiche Erkenntnisse“ zu verdanken sind, „weil sie Gefühle durch Verstand ersetzt haben“, stellt Ebert etwas resigniert fest, dass sich Menschen nicht besonders von der Kraft der Rationalität beeindrucken lassen. „Ein Maschinenbauingenieur kann beim ersten Date der Dame seines Herzens noch so detailreich die Funktionsweise einer Zylinderkopfdichtung erklären – gegen einen Mitbewerber, der sich im Restaurant ans Klavier setzt und ihr I just called to say I love you ins Ohr klimpert, hat er keine Chance. Was daran liegt, dass wir Menschen eben keine besonders rationalen Wesen sind. Im Kern sind wir nicht vernunft-, sondern gefühlsgesteuert. Schauen Sie sich den Buchmarkt an. Die weltweiten Bestseller der vergangenen Jahre sind die Bibel, die Harry Potter-Reihe und der Ikea- Katalog. Alle drei verkaufen keine Wahrheiten, sondern Illusionen und Gefühle“ (Vince Ebert S. 135 f.).
Wie er dazu kommt, der Bibel ihr Ringen um die Wahrheit abzusprechen und sie auf den Verkauf von Illusionen und Gefühlen zu reduzieren, bleibt sein Geheimnis. Spätestens jetzt fragt man sich, ob man nach dieser Einlassung auf Seite 136 die 153 Seiten bis zur Danksagung auf Seite 289 in Angriff nehmen soll. Man überlegt und schaut sich um, was andere, die das Buch auch schon gelesen haben, sagen. Im World Wide Web findet man unter »Vince Ebert« im Abschnitt »Rezeption« folgenden Eintrag: »Der Soziologe Armin Nassehi sieht Ebert als exemplarischen Vertreter einer Medienindustrie, „die das immer gleiche Lied von einer Gesellschaft singt, in der alles fast unterschiedslos nur noch den Bach runtergeht“. Fundamentalkritik würde dabei die bequeme Eigenschaft haben, „von sachlichen Analysen vollständig frei bleiben zu können“. Eberts Buch von 2025 lohne daher „die Lektüre nicht“. Ebert stehe für eine Haltung, die genau das vorführe, was sie kritisiere. Diese sei gefühlig, kaum konsistent, allzu subjektiv, auf rhetorische Effekte setzend und eine „die eigene epische Unkenntnis durch starke Urteile verschleiernde Form“. Sein Buch zähle zu einer „Kommunikationsgattung, die offensichtlich gar nicht den Anspruch hat, Argumenten mit Gegenargumenten zu begegnen oder womöglich von der Gegenseite etwas zu lernen“. Nassehi beschreibt Linke und Linksliberale als „selbstgefällig“. Diese Selbstgefälligkeit würde aber erst recht auf die Vertreter einer „neue[en] naiv[en] übertriebene[n] Kritik am ‚Woken‘“ zutreffen«.
Armin Nassehis Kritik wurde schon am 18. August 2025 in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel »Debattenkultur: Was sind schon Argumente?« veröffentlicht. Wenn man die Kritik damals gelesen hätte, hätte man wohl nicht zu dem Buch gegriffen. Ihr ist auch heute noch wenig hinzuzufügen außer vielleicht der Frage, was den großen Verkaufserfolg des Titels dann ausmacht.
ham, 5. Februar 2026