Hermeneutische Erkundungen des Erzählens am und vom Lebensende
Herausgegeben von Simon Peng-Keller und Andreas Mauz
Walter de Gruyter GmbH, Berlin, 2018, Hardcover, gebunden, ISBN 978-3-11-060111-4, 10 + 347 Seiten, diverse Abbildungen, € 124,95
Das von dem katholischen Theologen und Professor für Spirituell Care an der Universität Zürich und dem Germanisten und evangelischen Theologen im Bereich der Religion- und Literatur -Forschung herausgegebene bedeutsame Sammelwerk will unter seinem Titel »Sterbenarrative« die Erzählmuster verstehen, die Sterbeerzählungen in ihrer Grundstruktur und in ihrer kleinteiligen Anlage bestimmen. »Sterbeerzählungen« wären demgegenüber für das unüberschaubare Feld manifester Erzähltexte zu reservieren, die so oder anders vom Sterben handeln. Oft berichten unheilbar Kranke von ihrem nahen Lebensende, um es auf diese Weise zu gestalten, aber auch Hinterbliebene und professionelle Begleiterinnen und Begleiter. Der vorliegende Band lotet das Erzählen am und vom Lebensende aus unterschiedlichen wissenschaftlichen, ethischen und praktischen Perspektiven aus und lädt nicht zuletzt dazu ein zu prüfen, welche etablierten Kategorien der Forschung (seien sie narrationsbezogen oder nicht) allenfalls auch in einem spezifisch verstandenen Sinn als Sterbenarrative reformulierbar sind.
In seinem Rück- und Ausblick erinnert Peng-Keller an die Narrative des Winnetou– und des Kammerherren- Todes. Nach Ersterem lebt ein Mensch zunächst und ist dann prompt und schlagartig tot, nach Letzterem kann er nicht sterben und stirbt einen schweren Tod. Weitere Narrative sind
3. das Sterben als Akt. Bei diesem Narrativ behält der Sterbende bis zuletzt die Kontrolle über sein Schicksal und gestaltet seine Rolle als Sterbender aktiv.
4. Beim Sterben als Reise wird an einen strukturellen Übergang von hier nach dort gedacht. Man kann eine Reise zwar antreten und unternehmen, aber auch auf eine Reise mitgenommen werden und ist dann auf Gefährten angewiesen.
5. Das Sterben als oszillierender Prozess ist aus der Perspektive der Begleitenden entworfen, die ein Pendeln zwischen Weggehen und Zurückkommen, Abtauchen und Wiedererwachen beobachten.
6. Das Sterben als Rückzug rückt das Verhältnis des Sterbenden zu der ihn umgebenden Gesellschaft in den Vordergrund und schildert seine Herauslösung aus dieser.
7. Beim Sterben als Kollaps und Desintegration wird die medizinische Perspektive leitend. Im Vordergrund steht der fortschreitende Ausfall organischer Funktionen. Die Rolle des Sterbenden ist eine gänzlich passive. Am Schluss kollabieren die Organe und man stirbt.
8. Das Sterben als Marginalisierung beschreibt den Prozess der Abschiebung, Entmächtigung und Entrechtung des Sterbenden.
9. Das Sterben als Transformation betont den Identitätswandel. Am Ende ist die sterbende Person eine andere geworden.
10. Ein weiteres Narrativ könnte das der Konversion in extremis sein, das der spanische Filmemacher Luis Buñuel in seinen autobiografischen Aufzeichnungen Mein letzter Seufzer erzählt: „Vor meinem letzten Seufzer stelle ich mir gern einen letzten Scherz vor. Ich bitte alle meine alten Freunde zu mir, die wie ich überzeugte Atheisten sind. Betrübt versammeln sie sich um mein Bett. Dann kommt der Priester, den ich habe rufen lassen. Zum großen Entsetzen meiner Freunde beichte ich, bitte um die Vergebung aller meiner Sünden und empfange die letzte Ölung. Dann drehe ich mich zur Wand und sterbe. Ob man in dem letzten Augenblick aber noch die Kraft hat zu scherzen? (Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer. Erinnerungen. Frankfurt, 1985, Seite 249).
Narrative arbeiten nach Allan Kellehear dominante Erzählmuster in der Absicht heraus, normative Leitbilder des guten oder schlechten Sterbens vor Augen zu führen, die erst in einer reflexiven Thematisierung problematisierbar werden. Narrative in dem in der Publikation favorisierten Sinn potenzieren den Zwang, der dem Erzählen ohnehin innewohnt. Denn es vollzieht sich immer mit Blick auf bestimmte Erwartungen, wie eine Geschichte verlaufen und wie sie enden soll. Das Erzählen am Lebensende hat sich mit der nicht unschuldigen Erwartung auseinanderzusetzen, dass eine gute Geschichte originell sein und einen runden Abschluss haben sollte.
Der evangelische Theologe Michael Coors geht in seinem Beitrag über Narrative des guten Sterbens von der zentralen These aus, dass das fundamentale narrative Schema der gegenwärtigen ethischen Diskussion über das Lebensende das narrative Schema eines guten Sterbens ist.Dieses Narrativ entfaltet eine normative Wirksamkeit: Verläufe am Lebensende sollen möglichst so erzählt werden, dass die Geschichte des Lebensendes als gutes Ende erzählt werden kann. Für Coors ist das Gute immer auch Ergebnis sozialer Aushandlungsprozesse und beinhaltet Vorstellungen von Verläufen in der Zeit. Wir erzählen anderen, was wir für gut halten.
Beim Narrativ des selbstbestimmt herbeigeführten Todes werden immer wieder zwei Gründe genannt: Zum einen geht es um den Wunsch nach Kontrolle über das eigene Leben und den Tod und damit um die Vermeidung von Abhängigkeit durch die Herbeiführung des eigenen Todes. Zum anderen geht es um das Vermeiden von zukünftig erwarteten unerträglichen Schmerzen.
Beim Narrativ des hospizlich-palliativ begleiteten Sterbens stehen die Würde des Menschen am Lebensende und der Erhalt größtmöglicher Autonomie im Vordergrund. Voraussetzung hierfür sind die weitgehende Linderung von Schmerzen und Symptomen schwerster Lebenserkrankungen durch palliativärztliche und palliativpflegerische Versorgung sowie eine psychosoziale und spirituelle Begleitung der Betroffenen und Angehörigen. Das Narrativ des guten Sterbens ist in diesem Fall vor allem dadurch charakterisiert, dass das Sterben als individuelles, selbstbestimmtes Sterben frei von Schmerzen erzählbar sein soll. Das ideale Bild ist das langsame Abgleiten in einen schlafähnlichen Zustand und ein friedliches Ende. Gut zu sterben heißt dann, sein Leben eigenständig stimmig zu Ende bringen. Dieses Narrativ hat die Kehrseite, dass der Autor und Regisseur des Sterbens dennoch mit seinem Sterben hadern kann, weil die Schmerzen unerträglich geworden sind oder der Sterbeprozess viel zu lange gedauert hat.
Die von Martin Luther in seinem Sermon von der Begleitung zum Sterben stark gemachte Alternative, sich im Sterben nicht auf den Tod, die Sünde und die Hölle, sondern auf das Leben, die Gnade und den Himmel und damit auf den Tod und die Auferstehung Christie zu konzentrieren, hat den Vorteil, dass sie dem Sterbenden keine große Aufgabe abverlangt, sondern dass sie schlicht auf eine Veränderung der Wahrnehmung zielt. Dadurch, dass auf die Erzählung des Todes und der Auferstehung Jesu geachtet wird, wird der Mensch im Sterben zum Empfangenden und verliert den Zwang zum Handeln. Das Bild des Kreuzes wird zu einem narrativen Schema, aus dem der Sterbende die Kraft empfängt, sich dem Sterben und dem Tod auch dann noch zu stellen, wenn es nichts mehr gibt, was er oder andere noch tun können.
Nach Peng-Keller lassen sich folgende sechs Merkmale des Erzählens am Lebensende festhalten:
Schließlich gibt es nach Peng-Keller wenig Anlass zu bezweifeln, dass das, was Menschen in episodischer Todesnähe erleben, weitgehend dem entsprechen dürfte, was Ihnen in der Finalphase des Sterbeprozesses widerfährt.
Es wäre zu wünschen, dass Pfarrer, die an Gräbern von Verstorbenen stehen, die sie nicht persönlich gekannt haben und bei ihrer Grabrede auf die Erzählungen der Angehörigen angewiesen waren, die in der Publikation vorgestellten Sterbenarrative und ihre Hintergründen, Absichten und Grenzen kennen würden.
ham, 26. Januar 2026