Patmos Verlag, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, 73760 Ostfildern, 2025,

ISBN 978-3-8436-1531-0, 160 Seiten, Hardcover mit Leseband, Format 21,7 × 13,5 cm, 

18 € (D) / 18,50 € (A)

Der am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux in der Schweiz im Alter von 51 Jahren verstorbene österreichische Lyriker Rainer Maria Rilke wäre am 4. Dezember 2025 150 Jahre alt geworden. Die zu seinem Geburtstag erschienene Biografie von Uwe Wolff macht mit einer heute kaum mehr vorstellbaren Zeit bekannt, in der die Mutter dem Sohn nach dem frühen Tod seiner Schwester bis zu seiner Einschulung Mädchenkleider anzog, ihn das Beten und Niederknien in einem Gebetstuhl und den katholischen Glauben lehrte, ihn vor dem Zubettgehen das Kruzifix küssen und ihn an Weihnachten mit Engelflügeln auftreten ließ. 1897 lernte er die weit gereiste Intellektuelle Lou Andreas-Salomé kennen, die ihm nach Sigmund Freud zugleich Muse und sorgsame Mutter gewesen ist. Er wurde zum Frauenversteher, hatte innige nichtsexuelle Beziehungen zu diversen hochgestellten Frauen, ließ sich von reichen Frauen wie der Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe und Nanni Wunderly-Volkhart die ausgefallensten Wünsche erfüllen und dankte ihnen mit Abschriften von Gedichten. 

Seine am 28. April 1901 im Speisezimmer der Schwiegereltern mit Clara Bremer nach evangelischem Ritus geschlossene Ehe stand schon in den von Claras Großmutter finanzierten Flitterwochen im »Physiatrischen Sanatorium« des Lebensreformers Heinrich Lahmann vor dem Aus. Zu seinem Sterbebett hatten weder seine Frau Clara noch seine Tochter Ruth Zutritt, dafür aber Nanni Wunderly-Volkhart. „Je nach Tagesform begrüßt der Sterbende die in sein Zimmer eintretende Freundin mit einem zuversichtlichen »Sie bringen mir das Leben!« und glaubt sogar an eine Genesung. Dann ruft er: »Verhelfen Sie mir zu meinem Tod!«. Dann wieder schwingt er sich in den Lobpreis der Elegien ein: »Vergessen Sie nie, Liebe, das Leben ist eine Herrlichkeit!« Das wäre auch als Botschaft und Zusammenfassung der »Duineser Elegien« ein wunderbares, letztes Wort gewesen. Aber die Freundin hat allen Versuchen der Stilisierung widerstanden … 

Rilke vollendet sein Leben am Morgen des 29. Dezember 1926 kurz nach 5:00 Uhr in der Gegenwart von Nike und seiner Pflegerin“ (Uwe Wolff, Seite 143 f.). Auf seinem Grabstein soltte unter seinem Namen der Vers

»Rose, oh reiner Widerspruch, Lust

Niemandes Schlaf zu sein unter so vielen Lidern«

stehen (vergleiche dazu https://www.alamy.it/foto-immagine-luogo-di-sepoltura-del-poeta-rainer-maria-rilke-nel-cimitero-di-montagna-di-raron-vallese-svizzera-europa-48686990.html).

Den Titel seiner Biografie hat der zum Katholizismus konvertierte Theologe und  Angeloge Uwe Wolff Rilkes frühem Gedicht »Der Schutzengel« entnommen. Dort lautet der erste Vers:

Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,
wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen
ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief.“ 

Für Wolff sind Elegien „ein Gebet. Es richtet sich an die Engel. Wer, wenn nicht sie, verstehn etwas von der besonderen Stellung des Menschen im Kosmos? Wer, wenn nicht sie, kann das Glück der Erfahrung einer inneren Welt nachvollziehen? Wer, wenn nicht sie, kennt das überzählige Dasein, das dem Herzen entspringt (IX. Elegie) und nach Ausdruck verlangt? Die Elegien preisen den Raum der Kultur als ein unendliches und unerschöpfliches inneres Universum. Sie rufen die Engel als Zeugen der menschlichen Selbsttranszendierung in der Musik und in dem Bau der Kathedralen, jenen großen aus Stein errichteten Gleichnissen des Himmels, an:

War es nicht Wunder? O, staune, Engel, denn wir sinds,

wir, o du Großer, erzähls, daß wir solches vermochten, mein Atem

reicht für die Rühmung nicht aus. So haben wir dennoch

nicht die Räume versäumt, diese gewährenden, diese

unseren Räume. (Was müssen Sie für fürchterlich groß sein,

da sie Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)

Aber ein Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es, –

groß, auch noch neben dir? Chartres war groß –, und Musik

reichte noch weiter heran und überstieg uns. Doch selbst nur

eine Liebende –, oh, allein am nächtlichen Fenster ….

reichte sie dir nicht ans Knie –?

(Rainer Maria Rilke, VII. Elegie)

Wem soll der Engel von diesem Wunder erzählen? Wunder, staunen, rühmen, lieben –: mit diesem Wortfeld der Herrlichkeit hat sich Rilke zu jener himmlischen Höhe empor geschwommen, auf der der Mensch nun somit Sänger unter den Chören der Engel wird. Die hymnologische Einheit von Mensch und Engel, wie sie in der Liturgie gefeiert wird, findet ihr dichterisches Spiegelbild in der letzten Elegie. Ihre Eingangsverse wurden bereits im Januar 1912 wieder geschrieben. Das von Dionysios über Dante vermittelte Bild der neun Hierarchien erfährt hier eine Ergänzung durch den zehnten Chor, der einst mit den Stimmen der Menschen besetzt werden wird.

Daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht, 

Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.

Vollendet wurden die Elegien auf Château Muzot nach einer ähnlichen Vorbereitung, wie damals auf dem nun durch den Krieg zerstörten Schluss Duino. Nanni Wunderly-Volkhart musste ihren Cousin aus Winterthur, den Industriellen und Mäzen Werner Reinhardt, nicht lange überreden, um den Turm von Muzot samt Hausgespenst Isabelle de Chevron erst zu pachten, dann zu kaufen und nach Rilkes Bedürfnissen ausbauen zu lassen. Rilkes »Nike« und seine zahlreichen weiteren Gönnerinnen, Freundinnen und Geliebten teilten das Selbstverständnis dieses Dichters, der sich als ein »zum Rühmen Bestellter« zugleich als von jeder Sorge um den finanziellen Unterhalt seines Lebens befreiter Sänger verstand. Die Engel der Elegien sind auch das Urbild einer aller materiellen Sorgen enthobenen Dichterexistenz, wie sie Rilke seit je für sich reklamierte. Der Dichter singt wie der Engel: Das ist seine Bestimmung und der Sinn seines Hierseins. Für die Ökonomie des Lebens sorgt der Mäzen“ (Uwe Wolff, S. 103).

Dem evangelischen Rezensenten bleiben Wolffs mit Rilke geteilte Engelbegeisterung und sein Verständnis  der Elegien als Gebet an die Engel und als Anrufung der Engel als Zeugen menschlicher Selbsttranszendierung in der Musik und in dem Bau der Kathedralen fremd. Er setzt lieber mit Malachi 3,1 auf den Boten des Bundes, der den Weg für das Kommen des Messias bereiten soll: „Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll.“ Er ist nach Jürgen Moltmann der Engel der Zukunft. Dieser Engel der Zukunft blickt nicht wie Paul Klees »Angelus Novus« „zurück mit Trauer oder Zorn auf die Trümmerfelder unserer menschlichen Geschichte. Er sieht mit großen Augen in die Zukunft des kommenden Gottes und kündigt die Geburt des göttlichen Kindes an. Der Sturmwind des göttlichen Geistes weht in seinen Flügeln und Gewändern, als hätte dieser Sturmwind ihn in unsere Geschichte geweht. Er bringt die Geburt der Zukunft aus dem Geist der göttlichen Verheißung“ (Vergleiche dazu https://jochenteuffel.com/2019/12/12/dieser-engel-der-zukunft-blickt-nicht-zurueck-mit-trauer-oder-zorn-auf-die-truemmerfelder-unserer-menschlichen-geschichte-juergen-moltmann-ueber-die-hoffnung/).

ham, 17. Januar 2026

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