Mit einem Geleitwort von Karl-Josef Kuschel

Patmos Verlag in der Verlagsgruppe Schwabenverlag AG, Ostfildern, 2022, ISBN 978-3-8436-1368-3, 480 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen und 33 Fotografien, € 32,00 (D) / € 32,90 (A)

Autobiografien können selbstbezogen und dann für Außenstehende langweilig oder überaus spannend und beim Lesen ertragreich sein. Für die aus Anlass seines 75. Geburtstags erschienene Autobiografie des Religionswissenschaftlers, Autors, freischaffenden Schriftstellers, Journalisten und Übersetzers der Werke Tagores und Ramakrishnas aus dem Bengalischen und der Werke Svami Vivekandas aus dem Englischen. Für Martin Kämpchen gilt Letzteres (vergleiche dazu und zum Folgenden https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Kämpchen). Er ist am 9. Dezember 1948 in Boppard am Mittelrhein geboren, wurde in Wien zum Dr. phil. promoviert, hat in Indien Deutsch unterrichtet, mit Hindu-Mönchen zusammengelebt, in Madras die sechs philosophischen Systeme des Hinduismus mit dem Schwerpunkt auf den drei Vedanta-Schulen und sodann auf dem indischen Buddhismus, dem Jainismus, der indischer Logik und den Lehren M. K. Gandhis studiert und deren Gottesbilder mit denen des Christentums verglichen. Seine in jenen Jahren geübte christozentrische Edition ließ ihn die mystische Mitte der Religionen erahnen.

„Durfte ich auch nur den Verdacht hegen, dass kontemplative Menschen … nicht von Gott angenommen werden? Dass ihre Liebe zu Gott, welchen Namen sie ihm oder ihr geben mögen, und ihre Liebe zu den Menschen sie nicht auf dieselbe Weise wie mich die Nähe Gottes spüren lassen? Diese Überlegung, geschöpft aus einem regen gesellschaftlichen Zusammenleben mit Hindus, war für mich der Schlüssel für die Anerkennung der Ebenbürtigkeit der Religionen … In jenen Jahren stand mir lebendig die Erkenntnis vor Augen: Gott gibt es nur einmal. Wenn Gott das Absolute ist, nicht eine mythische Figur, von der Epen und Geschichten und Märchen erzählen, dann kann es dieses Absolute nur einmal geben. Niemand kann sagen: ›mein Absolutes‹. Niemandem ›gehört‹ es. Das Absolute teilt sich allen jenen Religionen mit, die sich ihm bewusst öffnen und sich von ihm leiten lassen“ (Martin Kämpchen S. 204 f.). Seine in Indien erarbeitete zweite Dissertation vergleicht den Begriff der Heiligkeit im Hinduismus und Christentum am Beispiel des Lebens von Ramakrishna und Franz von Assisi. Außerdem erforschte er Tagoers Beziehungen zu Deutschland, Hermann Hesses Beziehungen zu Indien und begleitete Günter Grass in Indien.

Die Vielzahl seiner Veröffentlichungen ist kaum zu übersehen. Dazu gehören u. a. Artikel und Vorträge (vergleiche dazu http://www.martin-kaempchen.de/?page_id=97), Essays (vergleiche dazu http://www.martin-kaempchen.de/?page_id=101, Anthologien (vergleiche dazu http://www.martin-kaempchen.de/?page_id=74), Belletristik (vergleiche dazu http://www.martin-kaempchen.de/?page_id=92), Romane und Tagebücher.

Kämpchen ist ein Genie der Begegnung und der Freundschaft. Er wurde in Indien nicht nur mit diversen Gurus, dem Benediktinermönch Bede Griffiths (vergleiche dazu http://fam-frenz.de/albrecht/), dem protestantischen Pfarrer Albrecht Frenz (vergleiche dazu http://fam-frenz.de/albrecht/) und dem Religionswissenschaftler, Zen- und Yogalehrer Michael von Brück (http://www.michael-von-brueck.de), sondern auch mit dem Philosophen Ram Chandra Gandhi, dem Enkel von Mahatma Gandhi, Frère Roger Schutz, einfachen Bauern aus den Santal-Dörfern ⟨vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Santal_(Volk)⟩ und vielen anderen mehr bekannt (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Ramchandra_Gandhi). Gleichzeit pflegt er in den 50 Jahren, in denen er in Indien lebt, auch ausgiebige Kontakte mit Verwandten, Freundesgruppen, Verlegern und Bekannten in Deutschland. Die nach langer Vorbereitung wenige Tage nach dem 9. September 2001 mit Michael von Brück, einem österreichischen Bergführer und Studenten angetretene Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash in Tibet wurde für ihn und die anderen Teilnehmer zu einer unvergesslichen Erfahrung.

Seine Rolle in Indien hat Kämpchen immer als eine ermöglichende und ermächtigende gesehen. „Meine Aufgabe ist jahrzehntelang gewesen, Menschen mit Intelligenz und Persönlichkeit zu entdecken und zu versuchen, sie so vorzubereiten, dass sie eine Rolle in ihrer eigenen Gesellschaft spielen können … Als jemand, der in der Gesellschaft lebt, jedoch kein ursprünglicher Teil von ihr ist, habe ich größeren Spielraum, neue Wege des Handelns auszuprobieren und anderen vorzuschlagen oder vorzuleben. Ich kann kreativ sein, habe die Freiheit, bis zu einem gewissen Grad die Normen der Gesellschaft in Frage zu stellen, sogar zu unterwandern; doch muss ich sehen, wie weit ich dabei verstanden werde und man mir zu folgen bereit ist … Mein Fazit ist: Ich kann gesellschaftlich aktiv wie auch kreativ in Indien wirken, solange ich mir meiner Rolle klar bewusst bleibe und der Versuchung widerstehe, sie überzubewerten. Dann gibt es große Freiräume zu handeln. Zwei Heimaten? Ja, es kommt letztlich darauf an, wie tief ich mich mit den Menschen verbinde“ (Martin Kämpchen S. 442 f.). 

ham, 31. März 2022

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